Spezialisierung Hyperhidrosis

Hyperhidrosis – Was ist das?

Unter Hyperhidrosis versteht man eine krankhafte Schweißneigung, die generalisiert oder nur an bestimmten Körperstellen auftreten kann. Am häufigsten sind die Hände, Achselhöhlen, Fußsohlen oder die Stirn betroffen. Für die Behandlung muss zwischen der primären und sekundären Hyperhidrosis unterschieden werden. 

Sekundäre Hyperhidrosis

Bei der sekundären Hyperhidrosis ist das Schwitzen ein Symptom einer anderen Erkrankung. Neben hormonellen Ursachen (Klimakterium, Hyperthyreose, Adipositas, Phäochromozytom) kann übermäßiges Schwitzen auch eine unerwünschte Arzneimittelnebenwirkung sein.

Auch ein niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie), chronische Infekte oder Malignome sowie verschiedene neurologische und psychiatrische Erkrankungen können übermäßiges Schwitzen auslösen. Bei der sekundären Hyperhidrosis steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund. Ein operativer Eingriff zur Behandlung der unangenehmen Begleiterscheinungen erfolgt normalerweise nicht. Erkrankungen, die zur Hyperhidrosis führen, müssen also zunächst ausgeschlossen werden.

Primäre Hyperhidrosis

Prof. Dr. med. Rudolf Ott, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Viszeralchirurgie, ist auf die chirurgische Behandlung der primären Hyperhidrosis spezialisiert und arbeitet dabei eng mit niedergelassenen Dermatologen sowie dem Zentrum für Plastische, Hand- und Mikrochirurgie im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau zusammen. 

Primäre Hyperhidrosis beginnt meist schon im Kindes- und Jugendalter und kommt in den Familien häufig wiederholt vor. Das vermehrte Schwitzen ist nicht temperaturabhängig und tritt nicht während des Schlafes auf. Es kann nicht willentlich beeinflusst werden und zeigt sich stets an den gleichen Körperregionen, so genannten Prädilektionsstellen (‚Lieblingsstellen’). Die primäre Hyperhidrosis wird nicht durch andere Erkrankungen, hormonelle Veränderungen oder Medikamente hervorgerufen.

Betroffene Patienten verfügen nicht über vermehrte Schweißdrüsen. Vielmehr liegt eine Überstimulation der Schweißdrüsen durch das Nervensystem vor. Übermäßiges Schwitzen kann für die Betroffenen zu Belastungen im sozialen und beruflichen Kontext führen.

Untersuchungsverfahren

Für die Unterscheidung zwischen der primären und sekundären Hyperhidrosis erfolgt eine ausführliche Anamnese (Befragung zur Vorgeschichte und Symptomatik des Patienten) und ein Jod-Stärke-Test. Über die Gravimetrie kann der Schweregrad der Hyperhidrosis objektiv beurteilt werden.

Behandlungsverfahren

Die Behandlung der primären Hyperhidrosis erfolgt in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Dermatologen und dem Zentrum für Plastische, Hand- und Mikrochirurgie. Sie stützt sich auf die aktuelle S1-Leitlinie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft.

Vor einer Operation sollten zunächst die konservativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden. Hierbei werden lokale Antitranspirantien (z. B. Aluminiumhydrochlorid), Deodorants, die Iontophorese und verschiedene systemisch wirksame Medikamente (Vagantin®, Sormodren®) eingesetzt. Diese Maßnahmen sind jedoch in ihrer Wirksamkeit begrenzt oder mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden.

In der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Viszeralchirurgie werden folgende operative bzw. interventionelle Verfahren durchgeführt:

  • Blockade der Sympathikusnerven mit Titanclips (Endoskopisch thorakales Sympathicusclipping / ETSc) 
  • Durchtrennung der Sympathikusnerven (Endoskopisch thorakale Sympathektomie / ETS)
  • axilläre Schweißdrüsenabsaugung (an der Achselhöhle)
  • Botulinumtoxin A-Injektion

Durch die Blockade der Sympathikusnerven werden die für die Überstimulation der Schweißdrüsen verantwortlichen Nerven eingeschnürt und bewirken so eine elektrische Blockade.

Hyperhidrosis-Sprechstunde

Jeden Donnerstag bietet unsere Klinik eine Spezialsprechstunde für Hyperhidrosispatienten an. Für die Beurteilung und Therapieentscheidung werden alle vorliegenden Krankenunterlagen benötigt. Dazu gehören die aktuellen Werte der Schilddrüsenhormone sowie Untersuchungsbefunde von Hautärzten, Internisten und Neurologen. Aus ihnen sollte hervorgehen, welche Behandlung der Hyperhidrosis bisher durchgeführt wurde bzw. ob eine relevante andere Erkrankung vorliegt.

Ist nach Erhebung der Anamnese und der körperlichen Untersuchung eine Operation angeraten, sollte vorab eine Kostenzusage der Krankenkasse eingeholt werden. Unsere Ärzte erstellen für die Krankenkasse ein entsprechendes Gutachten. Erfahrungsgemäß werden die Kosten für die Blockade der Sympathikusnerven (ETSc) bzw. das Durchtrennen der Sympathikusnerven (ETS) von den Kassen übernommen, während die Schweißdrüsenabsaugung und Botulinum-Injektion von den Patienten selbst getragen werden müssen.

Ablauf der operativen Behandlungen

Die Injektion von Botulinum A-Toxin und die axilläre Schweißdrüsenabsaugung erfolgt ambulant durch das Zentrum für Plastische, Hand- und Mikrochirurgie im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. Die Blockade und das Durchtrennen der Sympathikusnerven (ETSc und ETS) werden unter stationären Bedingungen in Vollnarkose durchgeführt. 

Nach Vorliegen der Kostenübernahme wird der Patient im Rahmen eines prästationären Termins von Chirurgen und Narkoseärzten zur Operation aufgeklärt. Sofern nicht aktuell vorliegend wird ein Röntgenbild des Brustkorbes angefertigt. Die Operation kann gleich am Aufnahmetag erfolgen. Über jeweils zwei je 5 Millimeter große Schnitte in beiden Achselhöhlen werden minimalinvasiv durch den Brustkorb die Sympathicusgrenzstränge entweder durchtrennt (ETS) oder mit Titanclips blockiert (ETSc).

Normalerweise sind Hände bzw. Achselhöhlen bereits unmittelbar nach der Operation warm und trocken. In beide Brusthöhlen werden dünne Drainagen eingelegt, welche am ersten Tag nach der Operation entfernt werden, sofern beide Lungen komplett ausgedehnt sind. Die Hautschnitte werden mit selbstauflösenden Nähten verschlossen, so dass ein Fädenziehen nicht erforderlich ist. Bereits zwei Tage nach der Operation wird der Patient normalerweise nach Hause entlassen.

Was muss nach der Operation beachtet werden?

Duschen ist bereits unmittelbar nach der Operation möglich. Die Wunden in den Achselhöhlen sollten danach stets trocken gehalten werden. Wundinfektionen nach dem Durchtrennen von Sympathikusnerven (ETS) sind sehr selten. Rötung oder Sekretion der Wunden sollten umgehend in unserer Sprechstunde vorgestellt werden. Stärkere körperliche Belastungen und Flugreisen sollten drei Wochen nach der Operation vermieden werden. Nach der Blockade oder dem Durchtrennen von Sympathikusnerven sollte die Haut regelmäßig eingecremt werden, weil sie sehr trocken ist.

Nebenwirkungen und Operationsrisiken

Prinzipiell können die üblichen Komplikationen einer Operation im Brustkorb auftreten. Blutungen, Verletzungen von Lungen oder Blutgefäßen sowie Infektionen sind jedoch sehr selten. Sehr selten ist auch das Horner-Syndrom, welches aus einer Schädigung des ersten Ganglions im Brustkorb resultiert. Dabei zeigt sich kosmetisch störend ein Herabhängen des Oberlides, eine Engstellung der Pupille und ein Einsinken des Augapfels in die Augenhöhle. Gelegentlich werden nach der Operation vorübergehend Hautmissempfindungen im Bereich des Brustkorbes angegeben, die sich normalerweise innerhalb mehrerer Wochen zurückbilden.

Als wesentliche Nebenwirkung tritt bei einem Teil der Patienten das sogenannte kompensatorische Schwitzen auf, eine gesteigerte Schweißneigung an zuvor nicht oder weniger betroffenen Körperstellen. Das kompensatorische Schwitzen ist nicht vorhersehbar oder beeinflussbar. Meistens, jedoch nicht immer, bildet sich dieses zumindest teilweise wieder zurück. Langfristig kann auch bei einem Teil der Patienten die Hyperhidrosis wieder auftreten.