Nachgefragt: Heimbeatmung
Mehr Lebensqualität mit Heimbeatmung
Eine intermittierende Selbstbeatmung (ISB) kann die Lebensqualität und die Lebenserwartung von Patienten, die an einer chronischen Ateminsuffizienz leiden, verbessern. Wem Heimbeatmung wie helfen kann, beantwortet Oberärztin Dr. med. Barbara Wiesner, Leiterin des Zentrums für Beatmungs- und Schlafmedizin in der Evangelischen Lungenklinik Berlin.
Unter Heimbeatmung versteht man eine intermittierende Selbstbeatmung außerhalb eines Krankenhauses. Wer benötigt diese Hilfe?
Dr. med. Barbara Wiesner: Patienten können z. B. in Folge einer chronischen Bronchitis, einer Muskel- und Skelettkrankheit oder neurologischen Erkrankungen an einer chronischen Unterbelüftung der Lunge (Hypoventilation) leiden, da es zu einer Ermüdung der Atemmuskulatur kommt. Sie sind auf eine zeitweise oder ständige Beatmung angewiesen, die dann auch zu Hause durchgeführt werden kann.
Wird das sofort bemerkt?
Dr. med. Barbara Wiesner: Nein, ihr Körper schafft es oft sehr lange noch gut, „sich selbst zu helfen“.
Ist die Kompensationsfähigkeit des Körpers irgendwann erschöpft?
Dr. med. Barbara Wiesner: Wenn ein kritischer Sauerstoffmangel und/oder eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration im Körper auftritt, sind morgendlicher Kopfschmerz, Angst, Tagesmüdigkeit mit Einschlafneigung, häufiges nächtliches Erwachen mit Atemnot, vermehrte Kurzatmigkeit, Gedächtnis und Konzentrationsstörungen, körperliche Leistungsabnahme oder auch vermehrtes Schwitzen die typischen Symptome.
Heißt das, umfangreiche Untersuchungen des Schlafes werden dann notwendig?
Dr. med. Barbara Wiesner: Es muss ganz klar unterschieden werden, welche Störungen der Atmung nur im Schlaf (so genannte schlafbezogene Atemstörungen - SBAS) und welche sowohl am Tag und in der Nacht auftreten. Die schlafbezogenen Atemstörungen – auch als Schlaf-Apnoe-Syndrom bekannt – treten nur im Schlaf auf. Die Lunge dieser Patienten ist meist gesund. Mittels Polygraphie bzw. Polysomnographie können diese Störungen, auch ambulant, in einem Schlaflabor untersucht werden. Bestehen im Schlaf „Atemaussetzer“ wird dem Betroffenen nachts zu Hause mit einer Beatmung geholfen. Die dabei eingesetzte Beatmungsform unterscheidet sich aber deutlich von denen, die wir bei Patienten mit einer Ateminsuffizienz anwenden.
Müssen sie in die „Eiserne Lunge“?
Dr. med. Barbara Wiesner: Nein, das war der Entwicklungsstand der Heimbeatmung in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Europa. Damals wurde so vielen Menschen, die an Poliomyeltis (Kinderlähmung) litten, das Leben gerettet. Heutzutage sind die Geräte klein und leicht genug, dass die Mobilität der Patienten mit einer Ateminsuffizienz gewährleistet bleibt. In Abhängigkeit von der Grunderkrankung wird mit Hilfe einer Atemmaske (nicht-invasiv) oder über eine Trachealkanüle (invasiv) die Atemmuskulatur maschinell unterstützt, gegebenenfalls sogar komplett ersetzt. Die Dauer der Beatmung hängt ebenfalls von der Grunderkrankung ab und erfolgt entweder nur nachts oder zusätzlich einige Stunden am Tag, bei Bedarf aber auch rund um die Uhr. Die Anwendung der Beatmung ist sehr einfach und kann in vielen Fällen von den Betroffenen und deren Angehörigen selbstständig durchgeführt werden. Sollten Patienten und Angehörige damit überfordert sein, kann ein auf Beatmung spezialisierter Pflegedienst in Anspruch genommen werden.
Und dennoch ist es eine Herausforderung für die Betroffenen?
Dr. med. Barbara Wiesner: Eine große Herausforderung ist, die eigene Atmung an das Beatmungsgerät anzupassen oder sich gar komplett von dem Gerät unterstützen zu lassen. Erst nach und nach können die Patienten das Atmen wieder erleben, ohne die bislang gespürte Atemnot und Angst. Nicht zu unterschätzen, ist die psychische Belastung, zeitweise oder vollständig von einer Maschine abhängig zu sein. Die Betroffenen erhalten zu Beginn eine umfangreiche Schulung im Krankenhaus und werden erst entlassen, wenn sie selbst oder die Angehörigen mit dem Beatmungsgerät gut umgehen können.
Wie lange dauert der Klinikaufenthalt?
Dr. med. Barbara Wiesner: Die Einleitung einer komplikationslosen nicht-invasiven Beatmung dauert zirka fünf Tage. Sein auf die individuellen Bedürfnisse eingestelltes Gerät verwendet der Patient auch in der häuslichen Therapie. Sechs Wochen nach der Entlassung kehrt er zu einer ersten stationären Kontrolluntersuchung zurück. Es wird überprüft, ob die Einstellung des Beatmungsgerätes den individuellen Ansprüchen genügt. Die ein bis zwei Tage dauernde Untersuchung wird bei stabilen Verhältnissen alle sechs bzw. zwölf Monate wiederholt.
Was berichten die Patienten bei den Kontrolluntersuchungen?
Dr. med. Barbara Wiesner: Unter anderem wie sie ihre Möglichkeiten nutzen, wieder mobil und unabhängiger zu sein, und wie dies ihr Selbstvertrauen stärkt. Es gibt aber auch Patienten, die von dieser Therapie nicht profitieren. Sie werden dann nur mit einer Sauerstofflangzeittherapie behandelt, die sehr gut kontrolliert werden muss. Wem wir mit der „kleinen Maschine“ große Hilfe leisten konnten, dessen Erfolge motivieren übrigens auch uns als Ärzte und Pflegende. Infolge der Heimbeatmung nehmen die körperlichen Aktivitäten der Patienten mit Atmungsschwäche zu, deren Lebensqualität verbessert sich, und zuvor häufig notwendige Krankenhausaufenthalte werden reduziert.
Wer trägt die Kosten für die Heimbeatmung?
Dr. med. Barbara Wiesner: Üblicherweise werden sie von den Krankenkassen übernommen. Im Zentrum für Beatmungs- und Schlafmedizin erhalten die Patienten Hilfe bei den Formalitäten gegenüber den Kostenträgern. Zudem organisiert das Betreuungsteam bei Bedarf den auf Beatmung spezialisierten Pflegedienst. Für technische Angelegenheiten steht ein technischer 24-Stunden-Notdienst zur Verfügung.
Vielen Dank für das Gespräch.
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